Hamburg – Ein Riese gerät ins Wanken. Und die Kleinsparer rennen, um ihr Geld zu retten. „Ich versuche Bargeld abzuziehen“, „eine Katastrophe“ und „gut, dass der Ospel endlich geht“, sagten aufgebrachte Passanten am Zürcher Paradeplatz laut Schweizer Radio. Die Großbank UBS schreibt tiefrote Zahlen und gerät weiter in den Strudel der Finanzkrise. Am diesem Dienstag musste die größte Schweizer Bank nochmals Rekordabschreibungen von zwölf Milliarden Euro bekannt geben. Damit hat sie bereits 25,6 Milliarden Euro auf dem amerikanischen Immobilienmarkt verloren – mehr als jede andere Bank der Welt.
Jetzt müssen personelle Konsequenzen her. Der Abgang des langjährigen UBS-Präsidenten Marc Ospels war längst überfällig – darin waren sich die „Neue Zürcher Zeitung“ und Kleinsparer einig. Nun hat der aus einfachen Kleinbasler Verhältnissen stammende Verwaltungsratspräsident nach monatelangem Zögern seinen Rücktritt bekannt gegeben, nach 27 Jahren bei der UBS. Die Entscheidung habe er am Montagabend getroffen, heiß es. „Ich betrachte meinen Beitrag als erfüllt und bin sehr zuversichtlich für die künftige Entwicklung der UBS.
Die Börse quittierte den Abgang des mächtigsten Managers der Schweiz mit einem Kursfeuerwerk. Doch der Schaden bleibt und die Probleme ungelöst. „Ospel hat in kürzester Zeit das in vielen Jahren aufgebaute Renommee der Großbank verspielt“, kommentierte die „NZZ“. Erinnerungen an die Liquidation der Swissair werden wach. Im Herbst 2001 stellte die einst so stolze Schweizer Fluggesellschaft ihren Betrieb mangels Kapital vorübergehend ein.
Ironischweise war die UBS als Hausbank der Fluggesellschaft mit in das Debakel verwickelt. Noch heute wird Ospel vorgehalten, er sei am Schicksalstag der Swissair nicht in der Konzernzentrale erreichbar gewesen. Vergeblich versuchte der CEO der Fluggesellschaft, ihn anzurufen, um die dringend benötigte Geldspritze bewilligt zu bekommen. Doch Ospel flog lieber zu einem bankinternen Termin nach New York.
Der Vorfall zeigt beispielhaft, wo die UBS ihre Prioritäten setzte. Nicht am Zürcher Paradeplatz, sondern an der Wall Street. Mit der Übernahme der amerikanischen Investmentbank Paine Webber wollte sie zu einem der ganz großen Player in den USA aufsteigen. „Eine Attacke auf die Ranglisten im Investmentbanking ist oberste Priorität für uns“, sagte Rick Leaman, Co-Chef der UBS-Investmentbank. Die aggressive Aufholstrategie erforderte neue, vor allem teure Leute und eine höchst riskante Investitionspolitik.
Möglich wurde das durch die besondere Lage auf dem Schweizer Heimatmarkt. Kleinsparer erhalten in der Schweiz für ihre Einlagen einen erbärmlichen Zins. Während in Deutschland die Finanzinstitute Tagesgeld mit satten drei bis fünf Prozent verzinsen, beträgt der Sparzins in der Schweiz ein kümmerliches Prozent. „Würde Wettbewerb wie in Deutschland herrschen, müssten die Banken ihren Schweizer Kunden jährlich mehrere Milliarden Franken mehr Zins abtreten“, schrieb unlängst der Zürcher „Tages-Anzeiger“. So kam die UBS zu spottbilligen Spielgeld für ihre erfolgssüchtigen Investmentbanker.
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,544754,00.html